Bodenrausch

Dr. Wilfried Bommert berichtete in Karben vom weltweiten Verlust und Ausverkauf des Bodens, der knappen Rescource, auf dem das Brot für die Welt wächst.

Spätestens seit der letzten Finanzkrise stürze das globale Investmentkapital auf die fruchtbaren Böden. Der Aufkauf von Ackerland werde die Nahrungsmittelkrise auf der Erde drastisch verschärfen, das prognostizierte Dr. Wilfried Bommert in seinem Vortrag „Bodenrausch" im Karbener Bürgerzentrum. Der WDR-Journalist und Agrarwissenschaftler war auf Einladung von TK-Solar, NABU Umweltwerkstatt Wetterau und Institut für Energie und Umwelt in die Wetterau gekommen, um Schwerpunkte aus seinem kürzlich erschienenen Sachbuch vorzutragen. Der Vortrag war gleichzeitig Auftakt einer sechsteiligen Reihe mit dem Titel „Wetterau im Wandel", mit der die Veranstalter die Problematik des Kampfes um die letzten Ressourcen aufzeigen und regionale Lösungen auf den Weg bringen wollen.
Die großen Rohstoffkrisen haben mittlerweile Namen: Peak oil bezeichnet den Punkt, an dem die Ölfördermenge rückläufig ist. Eine Tatsache, die seit längerem für Erschrecken sorgt und den Ruf nach Umdenken in Sachen Energieerzeugung laut werden lässt. Zum „peak oil" kommt jetzt der „peak soil". So nennt Bommert die Tatsache, dass es nur einen begrenzten Vorrat an Boden gibt, der zudem beständig kleiner wird. Große Flächen an Ackerland werden jedes Jahr durch Erosion, Monokultur, Verkarstung, Wassermangel und Überdüngung unfruchtbar. Hinzu kommt, dass der verbleibende Boden gerade in ungeahntem Ausmaß den Bauern entzogen wird.
„Mehr als 220 Millionen Hektar, eine Fläche von der Größe Westeuropas, etwa ein Viertel der fruchtbaren Böden der Welt, wurden nach Schätzungen der Entwicklungsorganisation Oxfam 2012 bereits ihren bäuerlichen Besitzer entzogen und an Großinvestoren langfristig verpachtet oder verkauft. Die Weltbank hält Größenordnungen von bis zu 40 Prozent der Weltagrarfläche für möglich", stellt der Referent fest. „Welches Ausmaß die globale Jagd nach den Äckern der Welt inzwischen angenommen hat, hat mich im Laufe meiner Recherchen zunehmend bestürzt", gesteht Bommert.
Staaten wie Saudi Arabien, China, Indien, Südkorea und Japan pachten oder kaufen in großem Ausmaß in Afrika, Lateinamerika und Südostasien Land. Die Ernährung ihrer Bevölkerung durch eigenes Ackerland können sie angesichts ihrer wachsenden Bevölkerung und deren steigendem Appetit auf Fleisch nicht mehr sichern. Wegen explodierender Lebensmittelpreise, die nicht zuletzt in Spekulationen auf dem Weltmarkt für Getreide, Reis und Mais begründet sind, haben diese Landnahme-Staaten das Vertrauen in den Weltmarkt für Nahrungsmittel verloren.
Sie wollen die Ernährung der eigenen Bevölkerung sozusagen „offshore" sichern. Die Ernten auf den Böden in fremden Ländern sollen an der dortigen hungernden Bevölkerung vorbei außer Landes gebracht werden. Notfalls sichern die zumeist korrupten Land-Anbieter-Staaten sogar Militärschutz für den Abtransport der Ernte zu. Auch die großräumige Vertreibung von Kleinbauern, Fischern und Hirten wird billigend in Kauf genommen. Denn die Menschen, die das Land seit Generationen bearbeiten, können im seltensten Fall nachweisen, dass sie Eigentümer des Landes sind.
Den Einstieg des internationalen Finanzkapitals in die Landwirtschaft hat Bommert, der für die Gründung des „Institutes für Welternährung" gerade den Human Award der Uni Köln erhalten hat, als eine weitere maßgebliche Ursache für den „Bodenrausch" ausgemacht. Konkrete Zahlen, wie viel Kapital der Bodenrausch seit 2007 mobilisiert hat, gibt es nicht. Fest steht allerdings: „Die Anleger finden seit 2008 in vielen der herkömmlichen Finanzprodukte keine Sicherheit mehr. Sie spekulieren nun auf steigende Boden- und Nahrungsmittelpreise. Und erhoffen sich sagenhafte Gewinne."
Auch Energiekonzerne, die zunehmend auf Agrotreibstoffe setzen, um den steigenden Rohölpreisen zu entkommen, beteiligen sich nach Bommerts Recherchen in großem Stil an der Landnahme. Das bekommen nicht nur Bauern in Brasilien, sondern auch die Landwirte in Deutschland zu spüren: Investoren oder Energiekonzerne kaufen oder pachten Land, um Mais für Biogasanlagen anzubauen. „Was das für die kleinen Landwirte bedeutet, ist etwa im Emsland zu sehen. Die Bauern können die Pacht für Weiden oder Ackerland, die sie für ihre Existenz brauchen, nicht mehr bezahlen. Denn die Preise werden von Großinvestoren in die Höhe getrieben", hat Bommert im Gespräch mit Landwirten über das ansonsten gut gehütete Geheimnis der Pachtpreise erfahren.
Wilfried Bommert hat wenig Hoffnung, dass diese Entwicklung sich ohne einen flächendeckenden Paradigmenwechsel kurzfristig umkehren ließe. „Boden müsste ebenso wie Wasser und Luft zum Allgemein-Gut erklärt werden, das nur im Einvernehmen mit und zum Wohle der Gesellschaft genutzt werden darf", so sein Vorschlag.
„Wenn wir uns vor Augen halten, dass das Land auf der Erde nicht vermehrbar ist und dass wir es zwingend brauchen, um uns zu ernähren, dann ist zwingend notwendig, dass Land ein Gemeingut aller ist, das unter der Verwaltung aller steht."
Die Veranstaltungsreihe „Wetterau im Wandel", zu der die NABU Umweltwerkstatt Wetterau in Kooperation mit dem Institut für Energie und Umwelt und TK-Solar einlädt wird fortgesetzt:
In den weiteren Veranstaltungen der Reihe beleuchtet am 8. März in der Waldorfschule Bad Nauheim der Nachhaltigkeits-Ökonom Prof. Dr. Niko Paech "Die Mär vom grünen Wachstum", am 19. März gibt es in einer Filmvorführung eine mitreißende Reportage über die weltweit entstehenden "Transition-Town-Initiativen". Am 19. April referiert um 20 Uhr in der Stadthalle Friedberg der renommierte österreichische Spezialist für Erneuerbare Energien Prof. Dr. August Raggam über "Energiewende und Klimakollaps". Am 26. April geht es weiter mit einem Vortrag, in dem zwei Transition-Town-Initiativen – Wiesbaden und Mainz – von einem der Initiatoren vorgestellt werden und am 7. Juni wird die Reihe zunächst vor den Sommerferien abgeschlossen mit einer Diskussionsrunde zu Regionalen Lösungsansätzen.
Weitere Informationen zu dieser Veranstaltungsreihe sowie das komplette Veranstaltungsprogramm dazu gibt es bei der NABU Umweltwerkstatt Wetterau, Wirtsgasse 1, 61194 Niddatal, Telefon (06034) 6119, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.umweltwerkstatt-wetterau.de.